Werte vs. Techniken – das Thema des 15. Treffens der Limited WIP Society Cologne

Die spannende Balance dazwischen, die Werte agiler und lean Produkt- und Softwareentwicklung zu vermitteln einerseits und andererseits nachvollziehbare Methoden und Metriken einzusetzen und zu entwickeln beschäftigte uns beim Treffen der Kölner Limited WIP Society letzte Woche.

Worum gehts?

Leicht polemisiert lässt sich die Fragestellung beschreiben als:

Wo liegen die Fähigkeiten und Fertigkeiten im Bereich der agilen Methoden?

  • Geht es eher um die Vermittlung der Werte (Gefühlsschubser)
  • oder

  • Sind die Techniken und Praktiken wichtiger (Zahlendreher)

Die „Scrum-Beamten“

Ein Fallbeispiel zu „Zu viel Techniken und Praktiken“

Aus einem „Scrum“-Projekt das zwar „nach dem Buch“ vorging, aber kein Verständnis für die Motivationen hatte, die hinter den einzelnen Aktivitäten stehen.

Um nur ein Beispiel aus diesem Projekt – nennen wir es „Projekt Eins“ – zu nennen wurde der Aufwand für die „Stories“ (also die Projektanforderungn) zwar in Story-Points (einer abstrakten, innerhalb eines Projektes aber normalerweise vergleichbaren Maßeinheit) geschätzt, diese Schätzung wurde aber in keiner Form weiter genutzt. Die konkrete Planung (sowohl im Groben als auch im Detail) erfolgte ausschließlich auf – in Stunden geschätzten – Einzelaufgaben. Auf die Frage des neu eingesetzten Scrum-Masters, wozu denn die Stories dann überhaupt geschätzt würden kam als einziges Argument: „Das macht man in Scrum doch so“.

Die Tätigkeiten des Coaches in diesem Projekt in den ersten Monaten waren dann auch vor allem die Vermittlung der Werte und das Hinterfragen der Praktiken.

[Ein schönes Zitat hierzu aus der Runde über die Folgen des ursprünglich leicht Cargo-Cult mäßigen Vorgehens: „Die Intelligenz steckt im Kanban-Board statt davor zu stehen“]

Szenenwechsel

Wir kommen später noch mal zu Projekt eins zurück, betrachten aber zwischendurch noch ein paar weitere Projekte.

Im Projekt aus Beispiel zwei wurden zunächst vor allem die Werte agile Softwareentwicklung etabliert und das Team hat sich seinen eigenen – Scrum basierten – Prozess tatsächlich auch „zu eigen gemacht“ und ist damit sehr erfolgreich und vorhersagbar unterwegs.
Mit wechselnden Rahmenbedingungen im Projektumfeld kommen neuerdings zunehmend auch Personen, die nicht in der Formungsphase des Projektes mit den agilen Werten gewachsen sind in Berührung mit dem Projekt. Lassen die sich noch in ausreichend kurzer Zeit – ohne selber alle Erfahrungen aus der Formungszeit zu haben – auf die Werte einschwören? Oder gibt es hier Techniken und Praktiken die den Prozess beschleunigen können?

Transparenz und Vertrauen

Tatsächlich sind viele der zentralen Praktiken agilen und leanen Vorgehens durchaus geeignet auch skeptische Späteinsteiger zu gewinnen – sei es die visuelle Nachvollziehbarkeit des Arbeitsflusses durch Task-Boards, die Vorhersagbarkeit und die Nachvollziehbarkeit des Ergebnisses der nächsten Arbeitseinheit durch iterations- oder releasebezogene Burndown Charts oder die klare Kommuniktion im Standup-Meeting.
Die Herausforderung besteht aber bei den Späteinsteigern darin, klar zu machen, das diese Vorteile nicht kostenlos kommen, denn sonst besteht die große Gefahr, dass versucht wird, die Vorteile (z.B. die Transparenz) zu behalten während die „Kosten“ (z.B. Zeit für Refactorings und Pairprogramming, Peer-Estmation, Selbstselektion der Aufgaben etc.) nicht getragen werden wollen und auf einmal wieder Mircomanagement betrieben wird.

Balance zwischen Transparenz und Vertrauen ist notwendig
Transparenz (in das Projekt) vs. Vertrauen (darin, dass die Transparenz nicht missbraucht wird)

Methoden für die weichen Faktoren

Abgesehen von den vielen Methoden und Theorien zu Team-Forming und Building – um die es hier nicht ging – wurde zumindest noch ein methodischer Ansatz besprochen, der nicht unerwähnt bleiben soll – „Mapping the Change Battlefield“.
Anstatt sich nur direkt an zu gucken, wie die Stimmungen der Stakeholder im Projektumfeld sind wird hier methodisch der gesamte Hintergrund analysiert.
Und nebenbei gibt es die nett gezeichnete Geschichte des Scrum-Masters Jori zu sehen – mit einer verblüffenden Wendung…

Zurück zum Anfang

Zurück zu „Projekt eins“:
Nachdem einige entscheidende Umwälzungen im Umfeld des ersten geschilderten Projektes stattfanden, wurde es zunehmend wichtig, den Entscheidern auch die indirekten Effekte von Entscheidungen im Projektumfeld sichtbar zu machen. Da die Teams mittlerweile alle Praktiken, die sie leben auch begründet leben war es eine relative einfache Diskussion, zu klären, was für Praktiken nun helfen können um die aktuellen Anforderungen zu adressieren – und so sind in letzter Zeit wieder mehr Tätigkeiten hinzugekommen, die neue Metriken etablieren oder der Erfassung von Prozessdaten dienen – aber dieses Mal nicht, weil es „im Buch steht“, sondern weil die beteiligten Teammitglieder einen direkten und gewollten Effekt dieser Aktivitäten sehen.

Fazit

Egal ob man eher von der Werte- oder von der Methoden-und-Praktiken-Seite zum Thema gekommen ist am Ende muss beides im „situativ angemessenen Umfang“ präsent sein – oder auch:

Relativität des Leids
Das Leid, dass durch die organisatorischen, methodischen oder sogar technischen Praktiken erzeugt wird muss spürbar geringer sein als jenes, welches durch die Praktiken adressiert wird!

Zugehörige Informationen

Es wurde als Erläuterung, wie die unterschiedlichen Dinge zusammen gehören auch noch die Pyramide oder das Dreieck zu diesem Thema von (möglicherweise) Alexander Kriegisch genannt – hierzu konnte ich leider keinen passenden Link oder Beitrag finden… aber in den Kommentaren ist ja Platz genug 😉

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Über Michael Mahlberg

Traveling the world, living life and building another software and consulting business - perhaps. Although I've been dubbed "serial entrepreneur", I'm still caring about the craft of software development & have been consulting on software development processes and architecture since the last millennium.
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